Hat er ein Hohlkreuz?

Nachdem das Hasi noch zwei Tage auf unserem Balkon lag, gleich neben der Salami (nicht die Pute mit Schwein) und dem Schmierkäse, dachten wir es sei an der Zeit, es zu begraben. Für alle die sich jetzt empören: Wir renovieren gerade, hatten keine Schaufel, keine Zeit und sind innerlich noch viel zu aufgewühlt und voller Trauer gewesen und mussten erst mal Trauerarbeit leisten und emotionalen Abstand gewinnen, bevor wir da irgendwas ausrichten konnten.
Am heutigen Tage, da das Wetter unheimlich belebend war und wir uns zu zweit auf eine kleine Fahrradtour gen Oblade aufmachten, die Sonne uns eitel ins Gesicht lachte, als wäre nie ein Hase vom Balkon gefallen worden, genau da besuchten wir den Gartenbaumarkt, um ein Schäufelchen zu kaufen, mit dem folgenden Zwecke: Das Karnickel zu begraben. Als die Arbeit getan war und Gott sah, dass es gut war, fuhren wir wieder in die alte, nicht ganz so alte, doch relativ neue Heimat, das Häschen in Tüte und Milchkarton, im Gepäckkorb, hinten auf dem Rad. Weil’s auf dem Weg lag, musste das geplagte Tier noch neben dem Aldi-Einkauf ausharren, während Frieda und ich in der Sonne Aldi-Eis aßen. Denn wie gesagt, die Sonne schien ja so schön. Am Abend, als der güldene Ball am Himmel, den wir so lange Zeit nicht mehr gesehen hatten, für den heutigen Tag verglüht war, wurde es Zeit, den Hasen zur letzten Ruhe zu betten. Auf dem oberen Beet, neben den Schneeglöckchen, fast 50 cm tief, so wie man das laut Tierkadaverentsorgungsvorschrift tun muss.

Später des Abends, hatte ich schriftlichen Kontakt in diesem so beliebten sozialen Gewebe, das sich facebook nennt:

Emma:  frieda und ich haben heute bei aldi 3 kg porree gekauft!und eingefroren!
das hat 1,79 das kilo gekostet! voll cool!
und wir haben den hasen begraben
Paul:      Ich dachte schon ihr hättet den hasen eingefroren
na dann steht der speiseplan für  die nächsten wochen ja!
Hat er ein holzkreuz bekommen??
Emma:  der hase?
Paul:      Genau der!
Emma:  keine ahnung
wir haben ihn uns nicht genauer angeschaut

Paul:    Ich frage nicht ob ihr ihn gekreuzigt habt sondern ob ihr ein kreuz an sein grab
               gestellt habt
Emma:  haha, ich hab hohlkreuz gelesen
             nein, er hat kein kreuz bekommen, wir wissen nicht ob er religiös war.Image

Der Fall

Wir stehen in Fridas Zimmer  bei unserem Mittagsbrot und genießen das beruhigende Einheitsbreipanorama im Westen einer Studentenstadt in Ostdeutschland. Wir schneiden Tomate und Gurke und legen sie auf Putensalami (mit Schweinefleisch laut Packung) und denken an nichts außer dem beruhigenden Einheitsbreipanorama.

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Plötzlich eine Szene im gegenüberstehenden Block: Immer wieder kommen mehrere Familienmitglieder (Mutter und diverse Söhne) auf den Balkon in abblätterndem Weiß. Da auf einmal die Mutter: Sie lässt etwas vom Balkon fallen, wir können nur erahnen, dass es sich um etwas Pelziges handelt, vermuten zunächst unschuldigerweise ein Kuscheltier. Weil wir das von zuhause so kennen, warten wir gespannt darauf, dass irgendjemand der Beteiligten heruntergeht und das Verdachtsobjekt einsammelt. Nur wenige Augenblicke später kommt ein Junge im grünen T-Shirt um die Ecke, nimmt den Gegenstand, schmeißt ihn unter den nächstgelegenen Balkon, kriegt Schelte vom mütterlichen Balkon, hebt ihn nochmal auf, holt aus, und wirft ihn in  hohem Bogen in die nächste Müllcontainerparzelle, wir erkennen: Es ist ein Kaninchen.
Es ist kein Plüschkaninchen.
Wir starren uns mit großen Augen an.
Der Hauch der Surrealität umgibt uns und dann fangen wir an zu fluchen:

-“Wooooooooah! Ist das gerade wirklich passiert?”
-“Ach du scheiße. Die hat das echt vom Balkon geworfen!”

Aus der abzutapezierenden Küche kommt ein “Was ist denn nun passiert?”
Wir wissen es selber nicht so ganz oder müssen es zumindest noch verarbeiten. Fest steht: Ein Haustier wurde vom Balkon geworfen oder anders gesagt: Ein Mord ist geschehen. Ein Todesurteil wurde vollstreckt. Ein Hase ist in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Es hat sich ausgehoppelt. Oder ausgemümmelt. Oder ausgemöllemannt. Ein Licht wurde ausgeknippst. Wäre der Untergrund nicht gerade frisch aufgeworfen gewesen, könnte man sogar sagen: Das Kaninchen hat ins Gras gebissen.
Wie auch immer, es war auf jeden Fall tot, zumindest aller Wahrscheinlichkeit nach.

Kurz entschlossen kontaktierten wir unseren V-Mann Marko, der den Balkon zwei Etagen darunter bewohnt, und baten um den Schlüssel zum Müllverschlag. Dort fanden wir das arme Geschöpf – der Körper noch warm, die Augen schreckenstarr weit geöffnet und das Genick gebrochen.

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Ratlos standen wir zu dritt im Halbkreis um das Opfer, das Lachen war uns irgendwie vergangen, auch wenn jetzt noch alles ganz lustig klingt. Fassungslos überlegten wir, was wir tun könnten und warum man ein flauschiges Haustier mit großen braunen Augen einfach aus dem 5.Stock wirft. War das Kaninchen krank? Hat es gebissen? Hat der jugendliche Besitzer Mist gebaut? Oder handelte es sich um eine Erziehungsmaßnahme?
Fiktive Szene:
Mutter: Du räumst jetzt sofort dein Zimmer auf und machst den Karnickeldreck weg!
Sohn: Aber ich bin zum Fußballspielen verabredet! Ich kann jetzt nicht!
Mutter: Jetzt sofort! Oder es knallt, ich hab es dir schon fünfmal erzählt heute!
Sohn: Ist mir doch egal, ich kann das doch auch später machen!
Mutter: Das ist deinem Kaninchen aber nicht egal und mir auch nicht, denn es stinkt! Ich kann es auch aus dem Fenster werfen, wenn es dir egal ist!!
Sohn: Ja mach doch! Das will ich sehen!
Mutter: (packt das Kaninchen im Genick, geht auf den Balkon) Findest du das immer noch lustig?
Sohn: Das machst du sowieso nicht, aber da wär ich endlich den Dreck los.
Kaninchen: Rumms.

So geht das also. Am Morgen denkt man sich noch, schönes Wetter, Streu könnte mal gewechselt werden, das Wasser nicht ganz frisch, die Krallen ein bisschen lang, aber hm, wenigstens lebt man noch und wird nicht den Löwen im Zoo zum Fraß vorgeworfen. Und das letzte woran man sich erinnern kann, wenn man im Karnickelhimmel ankommt, ist, wie der Boden immer näher kommt.
So mag die Situation gewesen sein, oder auch nicht, jedenfalls finden wir es, egal aus welcher Lebenslage heraus, merkwürdig, strange, kurios, bedenklich und auf jedenfall ungewöhnlich und unfreundlich allen Haustieren und Lebewesen gegenüber, wenn man sie vom Balkon wirft. Zumindest, wenn das den Tod zur Folge hat. (Den Vogel aus dem Käfig, auf den Balkon, in die Freiheit – das ist natürlich in Ordnung.).
So kalt, ungeschützt und lieblos hingeworfen wollten wir das Tier aber nicht dort liegen lassen und auf die nächste Abholung durch die Stadtwerke warten lassen. Da wir selber leider keine rechtsmedizinischen Kaninchenkäfige, Kaninchensärge oder kaninchengroße Schuhkartons auf unserem Balkon besitzen, konnten wir es auch nur in einem Müllsack verwahren und so liegt es jetzt auf unserem Balkon, während wir uns Gedanken um seine Bestattung und um die Konsequenzen für die ehemaligen Folterer, äh Besitzer, machen. – Drohbriefe zum Beispiel. Schweigegeld, Erpressung, Anzeigen. Wir denken an Sätze wie: Ich weiß, was du gestern mit deinem Kaninchen gemacht hast!
Werden bald auch eure Kinder vom Balkon gestoßen, äh unglücklich stürzen?
Im Kaninchenhimmel ist es vielleicht schöner als bei euch.
Es ist ja eine Sache, ob man jemanden nicht mag, aber ihn deswegen gleich vom Balkon zu schmeißen?!
Aber abgesehen davon bauen wir vielleicht einen Traueraltar, stellen Mahnkerzen, organisieren einen Gedenkmarsch mit dem BUND, WWF und Peta, allem Pipapo und wir werden die obligatorischen Texte in Klarsichthüllen aufstellen: WARUM? Er war doch noch so jung! Wie du mir so ich dir…Das wird auf jeden Fall ein großes Event mit nachhhaltiger Wirkung im mitteleuropäischen Raum, wenn Tokio Hotel spielt, dann vielleicht auch in Amerika.
So viel zum Spaß. Aber es hat uns dann doch noch den Tag ein bisschen beschäftigt. Hat sich niemand um das Tier gekümmert? Welche Barbaren werfen einfach ihre Haustiere zum Fenster raus? Egal, ob vielleicht schon vorher verhungert oder noch am Leben? War in meiner Bockwurst von heut früh vielleicht Pferdefleisch? Wie entsorgt man fachgerecht tote Haustiere? Darf man die einfach so irgendwo vergraben oder kommen die in den Biomüll? Und was ist, wenn in dem Thunfischsalat Pferdefleisch war? Werde ich sterben? Eignet sich Kaninchenfell für Pelzkragen? Ist das Kaninchen womöglich an schimmelbefallenem Futter aus Nordrheinwestfalen gestorben? Werde auch ich eines Tages aus dem Fenster geworfen?
Oder macht man das einfach so in Oblade?

kaninchenmord